Jesaja (Isaiah)
Vergleiche mit Beiträge zur Geschichte der Familien Wagenseil.
Im hebräischen Tenach handelt es sich um den Gegensatz von חבל (Zeichen von rechts nach links: chet beth lamed; sefaria.org: "a cord, rope, territory, band, company"*)
) und צבח (tzade beth chet; sefaria.org: "cord, rope, cordage, foliage, interwoven foliage"**) in Kombination mit צגלה (tzade gimel lamed he; "cart, wagon").
* חבל = Strick (vgl. Sirach 31,6, n. Smend: die vom Golde in der Schlinge gefangen sind), Fallstrick.
Die Zeichen heißen auch: pfänden, Vergeltung (viele Belegstellen); Geburtsschmerzen, Wehen haben, empfangen (Ps 7,15; Ct 8,5).
Mit diakritischen Zeichen: CHAEBEL
1. Seil, Strick Jos 2,15; Hos 11,4, u.ö. Zeltstrick Jes 33,20; Schiffstau 33,23, Wagenseil 5,18, Angelschnur Hi 40,24, Fransen Esth 1,6; unklar Ez 27,24; die Silberschnur Koh 12,6, bildliche Bezeichnung für den Lebensfaden, n.a. spez. für das Rückenmark
2. Meßschnur Am 7,17; Mi 2,5; Sach 2,5
a) das Abgemessene, bes. abgemessener Landbesitz Jos 17,14; 19,9; Dt 32,9. 1 Ch 16,18; Ps 78,55. Ez 47,13.
Zufallen Jos 17,5; Ps 16,6.
Daher überhaupt: Los, Geschick Hi 27,17.
b) Landstrich, Gegend: Dt 3,4 u. 13f.
Landstrich am Meere, Seeküste: Zeph 25,6
3. Schlinge, Fangstrick Ps 140,5; Pr 5,22; Hi 18,10 (vgl. Sirach 6,29).
Die Schlingen des Todes, des Totenreichs Ps 18,5; 116,3, vgl. 119,61; Pr 5,22.
4. Haufe von Menschen 1 S 10,5 u. 10; Mi 2,10 (= unklar).
Als CHEHBEL: Jes 66,7 - Schmerzen, Wehen; Jes 13,8; 26,17; 66,7; Jer 13,21; 22,23; 49,24; Hos 13,13; Hi 39,3.
In Jos 19,19 wurde dies z.B. in der Septuaginta als Eigenname gelesen (Korrespondenz aus einem lutherisch-theologischen Stellenregister).
Bsp: Psalm 16,6
Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche; mir ist ein schön Erbteil geworden.
** צבח = Seil (sefaria.org: "cord, rope")
צבוח adj. "having interwoven foliage", kombiniert: "leafy trees", "a leafy terebinth".
צבח "(twisted) cord, rope, cordage, interwoven foliage"; 1a. "as fetter" ("bind the festal victim with cords", fig. of authority), 1b. "which with a cart is drawn" (kombiniert: "With the cords of love"), 1c. "(twisted) golden chains of high priest's breast-shield", "the chains of cords", 2. "interwoven foliage" ("of top of a vine", "of cedar", "but in these certainly clouds").
Isaiah 5:18 (von rechts nach links): חעאה׃ ("sin") - הצגלה ("cart, wagon") - כצבוח ("cord, rope, cordage") - ו ("and") - השוא ("emptiness, vanity, falsehood, emptiness, nothingness, lying, worthlessness of conduct") - בחבצי ("cord, rope") - הצון ("perversity, depravity, iniquity, guilt or punishment of iniquity") - משכי ("to draw, drag, seize") - הוי ("ah!, alas!, ha!, ho!, O!, woe!").
Transkription Johannes G.: Isaiah 5:18-20, 2003: "Hoi moschchei he'avon b'chavlei ha schav w ca'avot ha agala chata'a. Ha omrim j'maher jacheischa ma'asehu l'ma'an nir'eh w tikrav w tavoah azat k'dosch jisrael w neda'a. Hoi ha omrim la ra tov w la tov ra, samim choschech l'or w or l'choschech, samim mar l'matok u matok l'mar."
Im Talmud: "Anfangs gleicht die Leidenschaft [der böse Trieb] dem Faden der Spinne, zuletzt aber einem Wagenseil" (Talmud Bavli, Sukka 52a, talmud.de, vgl. sefaria.org).
Im modernen Hebräisch bedeutet הצגלה כצבוח "die Figur als Schreihals", und חבל כרכרה "Wagenseil". In den Briefen der Perlhefters an den Hebraisten Wagenseil wird עבות עגלה verwendet.
Eintrag aus Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960; Band 27, Spalten 473 - 481:
"WAGENSEIL, n. derber strick, wie er an wagen, besonders zum anspannen der pferde gebraucht wird. das wort ist seit mhd. zeit belegt, wird aber von den wörterbüchern nur bis in die mitte des 18. jahrh. verzeichnet, indem strang an seine stelle trat: antemne, wagenseil. DIEFENBACH gl. 37c; wagenseyl, funis aurigarius. EMMELIUS nomencl. 345; wagenstränge, wagenseile, les cordes du chariot. RÄDLEIN 1025; wagenseil, funis plaustrarius. STEINBACH 2, 574. den plur. wagenseiler verzeichnet KRÄMER 1204. in vergleichen:
ir lîp hienc ir als ein sac
gerunzelt und gevalten;
dar under wârn behalten
âder sam ein wagenseil.
Heinrich von dem TÜRLIN Diu crône 9407 [ca. 1230];
weh denen die sich zusamen koppeln mit losen stricken, unrecht zu thun, und mit wagenseilen, zu sündigen. Jes. 5, 18".
Quelle ist z.B. Matthias Kramer: "Il nuovo dizzionario delle due lingue Italiana-Tedesca et Tedesca-Italiana", "Das neue Dictionarium Oder Wort-Buch/ In Teutsch-Italiänischer Sprach: reichlich ausgeführt mit allen seinen natürlichen Redens-Arten/ Wol versehen mit eigentlichen Kunst-Wörtern in Staats- Kriegs- Handels- und allen andern nahmhafften Professionen der gantzen Welt ... / Mit sehr grossem Fleiß und Mühe/ aus den allerberühmsten Scribenten ... für die Liebhaber beyder Sprachen zusammengetragen", Band 3, Nürnberg: In Verlegung Moritz Endter und Johann Andreae Endters selige Erben 1678 [VD17 39:146639U], S. 1204: "Wagenstränge/m. Wagenseiler/ tiranti del carro".
Wiener-Neustadt: "Abgaben und Rechte der Gewerbe" (um 1310)
Friedrich Wilhelm Eduard Keutgen: "Urkunden zur städtischen Verfassungsgeschichte", Berlin: Emil Felber 1901 [ archive.org ].
S. 362ff.: "269. Wiener-Neustadt: Abgaben und Rechte der Gewerbe. [Um 1310?.] Winter, C. Nr. 3. // Von dez richters recht. // [...] 1. Die fleischhakscher gewent dem richter järlich 6 pfunt pfenning [...] 2. Die fragner [...] 3. Die futrer [...] 4. Die swertfürwer [...] 5. Die smerber [...] 6. Die walher [...] 7. Von dem irichgaden get man dem richter järlich [...] 8. Die wotmanger leineins tüchs gebent dem richter järlich [...] 9. Die wagner und die schreiner gewent dem richter 6 laiters umb 3 wizpaum. Darumb, swer mit in daz würchen wil, der muez mit in denselben zins gewen in dem snit. 10. Die sailer swaz der sind, schol igleicher dem richter jerleich gewen ain wagensail in dem snit. 11. Die vazpinter [...] 12. Die pirprewer [...] 13. Die weber der wollein tüch [...] 14. Ein igleicher der öl vail hat [...] 15. Die reflär [...] 16. Die hueter [...] 17. Die chramer [...] 18. Die schuster die nicht purger sind [...] 19. Die pekchen die maister sind, die pfewert und helwert pachent, gewent dem richter al jar 8 U. d., ze Pfingsten, zu sand Michels tag und ze Weichnachten".
Aus dem Freisinger Rechtsbuch (1328): 128. Von der Notzucht.
"Wird aber der Vergewaltiger wegen der Notzucht flüchtig, wenn er danach wegen der Notzucht gefangen wird, so kann ihn die Frau doch wohl wegen der Notzucht verklagen; das kommt davon, weil er deswegen flüchtig geworden war. Ist die Frau keine Jungfrau gewesen, so muß sie ihn mit einem Zweikampf verklagen oder mit den Leuten, es seien Frauen oder Männer, die auf den Ruf hin gekommen sind, als jener die Notzucht begangen hat. Und kann die Frau selbdritt gegenüber dem Vergewaltiger wahrmachen, daß er sie in ihrer Ehre vergewaltigt habe, so soll man über ihn richten derart, daß man ihn enthaupten soll. Wird ihr aber ein Zweikampf bestimmt, so soll man den Vergewaltiger in die Erde bis an den Nabel eingraben derart, daß zwischen ihm und der Erde ein Wagenseil durchgezogen werden kann, sodaß er sich umdrehen kann, und man soll ihm die linke Hand auf den Rücken binden. Und man soll ihm einen Kampfkolben in die Hand geben und soll einen Ring mit Stroh um ihn streuen in der Weite, wie er mit dem Kolben langen kann. Und man soll der Frau einen Stein in ihr Kopftuch geben, der ein Pfund des Gewichts hat, das eine Mark heißt, und (man) soll ihr das Kopftuch unterhalb des Handgelenks um die Hand winden, sodaß es locker hängt. Und wenn sie das Kopftuch hängen läßt, so soll der Stein darin eine aufgesetzte Hand hoch über der Erde schweben. Man soll ihnen beiden Kampfwärter gemäß dem Kampfrecht geben. Siegt die Frau, so soll man dem Mann das Haupt abschlagen; siegt aber der Mann, so soll man der Frau nur die Hand abschlagen."
Neuhochdt. Übs. des Textes von Ruprecht von Freising, übermittelt in elf Handschriften, z.B. München, Staatsbibl., Cgm 236 (2. Hälfte 15., u.a. 1473) sowie München, Stadtarchiv, Zimelie 1. Einige sind aber spätere Abschriften wie Gießen, UB, Hs. 1013 und Hs. 1064 aus dem 16. Jh.
Georg Ludwig von Maurer: "Das Stadt- und das Landrechtsbuch Ruprechts von Freysing nach fünf Münchner Handschriften. Ein Beitrag zur Geschichte des Schwabenspiegels", Stuttgart: Cotta 1839, S. 396, Anm. 23: "Mpt. 1436: '[...] alſo das zwiſchn ſein vnd der erdnn ein wagenſail müge geen das er ſich vmb mug gereyben'". Laut S. XXV ist die "Handschrift von 1436" München, Cgm 513, die aber heute auf 2. Hälfte 15. Jh. datiert wird. Die Zahl 1436 im gereimten Kolophon, Bl. 320vb, ist nach Karin Schneider: "Die deutschen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München: Cgm 501-690", Editio altera, Wiesbaden: Harrassowitz 1978, S. 38, aus der Vorlage.
Klaus Kranc: Übersetzung der Propheten (um 1350)
Walther Ziesemer (Hg.), Die Prophetenübersetzung des Claus Cranc (Schriften der Königsberger Gelehrten Gesellschaft, Sonderreihe Bd. 1), Halle a.d. Saale 1930, S. 13: "we uch, di ir cijt di bosheit mit lynen der ytilkeit [15b] und di sunde als eyne paclyne adir ain waynseel."
Nur eine Handschrift: Berlin, Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz, XX. HA Msc. A 2° 191 (handschriftencensus.de: 2286).
'Berliner Evangelistar', Berlin, Staatsbibl., mgq 533, Schreiber: Heinrich von Landshut, Mitte 14. Jh. (Feudel, Teil I S. XIII; der Eintrag "1340" ist sekundär hinzugefügt; handschriftencensus.de: 11856)
Günther Feudel: "Das Evangelistar der Berliner Handschrift Ms. Germ. 4° 533", Berlin: Akademie-Verlag 1961, Reprint 2021, S. 41: "Diphthonge [...] Manche dieser e-Schreibungen können aber auch einfach Kürzung unter Nebenakzent bedeuten [...]. Die heutigen omd. Mundarten haben durchweg e außer dem Westthür., das den Diphthong erhalten hat: [...] ein waynseel Je 5,18".
Die Vokabulare von Fritsche Closener und Jakob Twinger von Königshofen (1362-1408)
Dorothea Klein, Klaus Kirchert: "Die Vokabulare von Fritsche Closener und Jakob Twinger von Königshofen: Überlieferungsgeschichtliche Ausgabe", Stuttgart: De Gruyter 2014.
S. 3*f. "Das Wörterbuch von Fritsche Closener, das in fünf Handschriften erhalten ist, ist das erste zweisprachige Vokabular, das im Unterschied zu den älteren sachwortbezogenen Glossaren Allgemeinwortschaft in alphabetischer Ordnung bietet, diesen aber auf Nominalia (Substantive und Adjektive) beschränkt. Die genaue Entstehungszeit ist nicht bekannt, doch dürfte Closener das Vokabular vor oder parallel zu seiner 1362 abgeschlossenen Chronik zusammengestellt haben". Daß Closener als Verfasser des Vokabulars zu gelten hat, bezeugt Jakob Twinger, der das Wörterbuch seines geistlichen Kollegens als Materialbasis für sein eigenes herangezogen hat [...]. Sein Wörterbuch ist in 16 Handschriften überliefert, von drei weiteren, verloren, haben wir noch Kenntnis. [...] Als Abfassungsjahr ist in der zweiten Fassung 1390, in der dritten 1408 angegeben". S. 736: "137 T2 INSTITA Heilende oder wage snůr, do mit man die kint bindet jn de wage. Versus: Instita sit vinculum, Naso probat fore vestem: 'Que tegit medios instita longa pedes'.
We] davor eciam Ds1 S1. do - wage] fehlt Ds1 S1 (S2 St1).
Wa] fehlt B1 We dt.] (eciam) hailent oder wagensayl ain krom cingulum quo lingantur mortui St1. wage snůr] wiegen schnür Ds1 *S1 S2".
Das Urbarbuch des Erhard Rainer zu Schambach von 1376
Katja Putzer: "Das Urbarbuch des Erhard Rainer zu Schambach von 1376. Besitz und Bücher eines bayerischen Niederadligen", München: C.H. Beck 2019, S. 36: "Vnd I newz voderz wagensayl".
Die Deutschordens-Ballei Böhmen in ihren Rechnungsbüchern 1382-1411
Josef Hemmerle: "Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens", Band 22, Bonn: Verl. Wiss. Archiv, 1967, S. 119: "Item 4 wegen mit allem geret , 3 setel , 4 wagenseyl", S. 135: "5 newer wegenzyl und 3 alde, 3 cleyne ardeyzen", S. 192 (Register): "wagenseil, wagenseyl, wegenzyl, Wagenseil 215, 254, 276, 294, 295, 337, 347, 351, 387, 413".
Die älteste Rechnung des Herzogtums Jülich. Die Landrentmeister-Rechnung von 1398/1399
Wolfgang Herborn und Klaus J. Mattheier: "Die älteste Rechnung des Herzogtums Jülich. Die Landrentmeister-Rechnung von 1398/1399", Veröffentlichungen des Jülicher Geschichtsvereins, Band 1, Jülich 1981, S. 97, Zeile 29 (rib./snfrk., 1398/9): alrehande gereitschaff, wage(n)seile, nuwe wage(n), karre(n), wagen, leide(r)n ind and(er) gereitschaff, die ma(n) in dem arne dar zu behoiffende(n) is.
Lippersreuter Blättle - Bäuerliche Arbeiten früher: Die Getreideernte
Waren sämtliche Garben auf dem Wagen verstaut, wurde dem Lader das Spannseil hinaufgereicht, das sogenannte "Wagenseil". Mit diesem und mit Hilfe des Spannbengels wurde die Ladung zusammengehalten. Abgekämpft und müde, mit zerstochenen Armen und Beinen, ließ sich dann der Lader an der eingesteckten langen Gabel vom vollen Wagen heruntergleiten. Wer glaubt, nun wär's geschafft, der hatte sich getäuscht. Mit "Hü und Hot und Wischt" ging's dann gemächlich nach Hause. Nicht selten geschah es, dass der Getreidewagen auf einem unebenen Feldweg umkippte oder ein Teil der Ladung auseinander rutschte und damit sämtliche Garben noch einmal aufgeladen werden mussten.
Thomas Nußbaumer: "Oswald von Wolkensteins Fasnachtslied (Kl 60) im Kontext der Fasnacht des Mittelalters" [um 1421/22]
In: "Miszellen und mehr. Hans Moser zum 80. Geburtstag" [PDF], herausgegeben von Ursula Mathis-Moser und Thomas Schröder unter redaktioneller Mitarbeit von Rebecca Heinrich und Martina Beber, Innsbruck: Digitale Bibliothek 2019, S. 19-38, hier S. 31f.
"Doch auch für Tirol existiert ein diesbezüglich höchst beachtenswerter und sehr alter 'vasnacht'-Beleg, den der Volkskundler Leopold Schmidt zwar bereits im Jahr 1950 in der heimatkundlichen Südtiroler Zeitschrift Der Schlern veröffentlichte und ausführlich analysierte (cf. Schmidt 1950 [Leopold Schmidt: 'Zum Meraner Fastnachtsumzug von 1412'. In: Der Schlern 24 (Mai 1950),
219-223]), der jedoch bis heute von der regionalen Fasnachtsforschung nicht beachtet wurde. Diese Quelle ist im Zusammenhang mit Oswalds 'Fasnachtslied' umso bedeutungsvoller, als sie sich auf einen Brauch in Meran bezieht, der zu Oswalds Zeiten ausgeübt wurde und von dem er vielleicht sogar wusste. Es handelt sich hierbei um eine - nicht von Leopold Schmidt, sondern ursprünglich von Anton Dörrer entdeckte - Starkenberger Raitung vom Jahr 1412, laut der man 'den bindern an Meran, die zu vasnacht giengen mit dem Wagensayl', einen Betrag von 111 Groschen aushändigte (Schmidt 1950, 219). Schmidt vermutet mit guten Argumenten, dass dieser Fasnachtsbrauch der Meraner Binder (bzw. wahrscheinlich Bindergesellen) ein von Haus zu Haus ausgeführter Umzugsbrauch war, in dessen Rahmen man mit einem 'Wagensayl' etwas vorführte und dafür eine Gratifikation erhielt. Rätselhaft ist das Wort 'Wagensayl', das als 'Gerätwort' im Mittelhochdeutschen anscheinend nur selten vorkommt. Nach Schmidt bezieht es sich entweder auf den Brauch des 'Laufens am Narrenseil' (1950, 220) oder es handelt sich um eine Verballhornung des bairischen Wortes Wagensun, das die Pflugschar bezeichnet (Schmidt 1950, 221f.). Wenn dem so sei, dann wäre der Fasnachtsbrauch der Meraner Binder der älteste Beleg für einen fasnächtlichen Pflugumzug".
Zum Narrenseil vergleiche Birgit von Seggern: "Der Landsknecht im Spiegel der Renaissancegraphik um 1500-1540", Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, 2003 [PDF], S. 198f.: "In den Bereich der allegorischen Darstellungen geht eine Zeichnung Urs Grafs, aus dem Jahr 1516 (Abb. 115). Sie zeigt, wie der Teufel einen Landsknecht gefesselt an einem Seil vor sich herführt. [...] Das Gesicht des Landsknechtes erscheint mit angstvoll geöffnetem Mund im Dreiviertelprofil. Darüber sitzt ein flaches Federbarett, unter dem auf der rechten Seite der Stoffzipfel einer Narrenkappe oder Schlafmütze zum Vorschein kommt. Der Barettrand ist vorne mehrfach eingeschnitten, ähnlich einem Hahnenkamm. Der Teufel, halb Mensch, halb Tier, steht hinter dem Landsknecht"; S. 200: "Es scheint fast so, als wäre der Teufel in allem Negativem die Entsprechung des Landsknechtes. Der Krieger ist vollkommen in der Gewalt des Teufels, der ihn am Seil entweder direkt in die Hölle oder aber am Narrenseil durch sein sündenvolles Leben führen will. Es kann ebenso der Zeitpunkt der Todesstunde wie auch die Stunde der Erkenntnis über das eigene, sündhafte Leben angesprochen sein. Aus beiden Situationen gibt es offenbar kein Entrinnen mehr".
Johann Geiler von Kaysersberg: "Predigten Teütsch" (Augsburg: Hannszen Otmar 1508) ( = VD 16 G 790)
"Das .cvij. Blatt", verso [ books.google.de ]:
"Von denen spricht Isaias am funfften capitel. Wee üch/die da ziehend/ die ungerechtigkait/ in den chnieren/ & üppigkaiten/ und als ain wagen sayl die sünd".
Inventar auf Wurmberg (1525)
Johann Loserth: "Das Archiv des Hauses Stubenberg. Supplement II. Archivregister von Wurmberg aus den Jahren 1498 und 1543 nebst einem Wurmberger Schloßinventar von 1525", Graz: Historische Landeskommission 1911, S. 49: "Vermerkt das infentari auf Wurmberg, so beschechen ist um tausent und im funfundzwanzigsten iare in beywesen der wogebornen Frauen Hypolita geporn von Polhaim, herrn Casparen säligen gelasne witfrau, auch der edlen und vesten Andreen Holenwurger, herrn Hansen Spitzmayr kaplan zu Wurmberg, Cristoffen Ziernheld, derzeit schreiber daselbst, am mantag nach Vintzentzentag (Januar 23). (Spez.Arch. Wurmb. MS. 3396.) [...]". S. 57: "In der stuben. // 70. Item, 1 tisch [...] 1 wagensail, 7 vasslgens, 8 mestgens, 1 beschlagner wagen, 2 schliten [...]".
"Alle Propheten: nach Hebraischer sprach verteütschtet" (Augsburg: Silvanum Ottmar 1528)
Bl. Aiiijr: "Wee denen / so die boßhait an Stricken der eytelkait nach sich schlaipffen / vnd die sünd wic ain wagensayl".
VD16 B 3723: Übersetzt von Ludwig Hätzer u. Hans Denck. Erstausgabe ist Worms: Schöffern, 1527 (Bl. Vr: "wagenseyl"). Vgl. Ulrich Bister: "Die Wormser Propheten", Hammerbrücke 2003. Druckorte waren neben Worms auch Augsburg und Hagenau im Elsass. Ludwig Hätzer (auch Hetzer), geb. vor 1500 in Bischofszell im Kanton Thurgau, gest. am 4. Februar 1529 in Konstanz, war ein "Publizist und Bibelübersetzer mit radikalreformatorischen Neigungen", "[d]en Winter 1527/28 verbrachte er in Augsburg, wo er sich mit der Dienstmagd Appolonia verheiratete. Als im Frühjahr 1528 auch in Augsburg die Verfolgungen der Täufer begannen, kehrte er nach Bischofszell zurück, um sich in Ruhe der literarischen Tätigkeit zu widmen. Diese Ruhe dauerte nicht lange. Im November 1528 wurde er auf Betreiben der Stadt Augsburg in Konstanz verhaftet. Ihm wurde Bigamie mit seiner Frau und deren vorherigen Arbeitgeberin in Augsburg vorgeworfen. Unter dem Vorwand der Unzucht wurde der als Häretiker verrufene Hätzer nach längerem Prozess am 4. Februar 1529 mit dem Schwert hingerichtet. Stadtrat Thomas Blarer, der Bruder des Konstanzer Reformators Ambrosius Blarer, beschrieb das Ende von Ludwig Hätzer in einem Brief, der Ende 1529 in Straßburg [bei Balthasar Beck = VD16 B 5713; und in Konstanz bei Jörg Spitzenberg = VD16 B 5712] gedruckt wurde" (WP).
Martin Luthers "Das Ander Teil des alten Testaments" (1528) enthält Josua, Richter, Rut, 1. Samuel, 2. Samuel, 1. Könige, 2. Könige, 1. Chronik, 2. Chronik, Esra, Nehemia, Ester. "Die Propheten alle Teütsch" erscheint zuerst 1532 in Wittenberg bei Hans Lufft [VD16 B 3736], in Erfurt, Straßburg, Nürnberg, Magdeburg und in Augsburg bei Heinrich Steiner [VD16 B 3732], dort:
Bl. A iijr: "Wee denen/ die am vnrecht ziehen mit stricken der eyttelkayt / vnd an d' sünde mit wagensaylen".
Vgl. Boris Wagner-Peterson: "Doctrina schola vitae. Zacharias Ursinus (1534-1583) als Schriftausleger", Stuttgart: Vandenhoeck & Ruprecht 2013, S. 208: "In den Jahren 1527/28 bis 1529/30 übersetzte Luther in Wittenberg das Prophetenbuch und in diesem Kontext legte er Jesaja auch an der Fakultät aus. Seine Jesaja-Auslegung hat Martin Luther nicht selbst herausgegeben. [...] 1532 und erweitert 1534 wurden aber 'In Esaiam scholia ex D.M. Lutheri praelectiones collecta' aufgrund einer Schülernachschrift unbekannter Herkunft ohne Luthers Zutun gedruckt".
Die Druckerei Ot[t]mar brachte außerdem 1528:
VD16 B 1896 Ratschlag/ hallten=||der Disputation || zů Bernn.|| Haller, Berchtold [Beitr.]; Kolb, Franz [Beitr.]; [Augsburg: Silvan Otmar 1528]
VD16 P 2866 Ex Promptuario || uocabulorum Iohannis Piniciani || uariarum rerum uocabula,|| ad puerorum usum || collecta.|| [...] M.D.XXVIII.||(Impressum Augustę in ędibus Siluani Ottmar || apud coenobium diuę Vrsulę cis || Lichum ... ||) Pinicianus, Johann.
VD16 K 652 Ain Christenlicher /grüntlicher /auß || G#[oe]ttlicher hayliger schrifft/bericht/|| dess Herren Nachtmal wirdig zů || Empfahen/den schwachen vnd || gůthertzigen aufs kürtzest || zůsamenbracht.|| Durch Mich. K#[ae]llern.|| [...] M.D.XXVIII.|| Den 25 May. [Augsburg:Silvan Otmar] Keller, Michael.
VD16 G 1002 Ain Epistel Gerhardi Nouio=||magi/ an Carolũ den Fünfften R#[oe]mischen Kay-||ser #[et]c. auß dem Latein verteütscht/ durch G.J.||M. Ob die Ketzer wie man sy nennt || mit recht zum tod vervrtailt werdñ || m#[oe]gen/ yedermañ nutzlich zu || wissen/ in disen schw#[ae]ren || grausamen letsten || zeitten.|| [...] Anno M.D.XXVIII. [Augsburg: Silvan Otmar] Geldenhauer, Gerhard; G.J.M. [Bearb.].
VD16 B 1880 Antwurt Schulthaissen klai=||nen vnd grossen Rats der Statt Bern/ auff die || außgangne Missiue der acht Orten Bot/||schafften zů Lucern versampt/ an sy || schrifftlich gelanget/ vnd dem/||nach in viltrucktñ b#[ue]chliñ || außgespraittet. [Augsburg: Silvan Otmar 1528].
VD16 ZV 14250 Abschid auff dem Bundtstag,|| Sonntags nach Valentini,An=||no etc. XXVIII.zů Augspurg ge=||halten, allain dess zůsatz hal=||ben, gemacht. [Augsburg: Silvan Otmar 1528].
VD16 ZV 14243 Abschid auff dem Bundtstag/|| Sonntags nach Valentini/ An=||no #[et]řc. XXVIII. zů Augspurg ge=||halten/ allain dess zůsatz hal=||ben/ gemacht. [Augsburg: Silvan Otmar 1528].
VD16 ZV 23818 = K 652 ohne Impressum.
VD16 T 2360 Von dem Jüdi=||schen vnnd Jsraeli/||schen volck vnnd || jren vorgeern.|| Durch Casparn Tur/||nawer auß der Bi/||bel gezogen.|| [...] M.D.XXVIII.|| [Augsburg: Silvan Otmar] Turnauer, Kaspar.
VD 16 ZV 2535 Statuta Synodalia dio=||cesana Reuerendissimi #[et] Jllustrissimi in Christo || patris et domini/ domini Georgij ab Austria Episcopi Brixineñ || Edita et publicata Anno domini M. D. XXVIII. Die. XXVIII || mensis Augusti. in Ecclesia Cathedrali Brixineñ.|| [...] [Augsburg: Silvan Otmar 1528].
VD16 B 2925 ¬DAs¬ Ander tail || des Alten Testaments.||[Übers.v. Martin Luther] [...] (Getruckt zů Augspurg, durch Siluanum Otmar, bey || sant Vrsula kloster, vnnd geendet nach der geburt || Christi vnsers Haylands M.D.XXVIII.|| auff den XX.tag Januarij.||) Luther, Martin.
VD16 E 893 WAs der Durchleüchtig Hochge=||born Fürst vnd Herr/ Herr Philips Landtgra/||ue z&uring: Hessen/ Graue zů KatzenElnbogen/|| zů Dietz/ zů Zigenhain vnd z&zuring; Nidda/|| als ain Cristlicher Fürst/ mit den || Closterpersonen/ Pfarrher/||ren/ vñ abg#[oe]tischen bild/||nussen/ in seiner gna||den Fürsten/||thůmbe/ auß G#[oe]ttlicher || geschrifft fürgenom/||men hat.|| [...] M.D.XXVIII.|| [Augsburg: Silvan Otmar] Ferrarius, Johannes.
VD16 O 287 Ad fratres, qui evangelium Christi in agro Basiliensi annuntiant, epistola paraenetica, dt. = Ain Sendbrieue Johannis Oeco=||lampadij/ an ettliche Br#[ue]der/ so das Euange-||lium Christi in Basler landschafft predi-||gen/ Ermanende/ das sy der rainig-||kait/ lebens/ leere/ vnnd der ge-||breũche allenthalbñ nach-||uolgen sollen.||
Ausgabebezeichnung: Anno M.D.XXVIII.|| [Augsburg: Silvan Otmar] Ökolampadius, Johannes.
Jean Crespin, Paul Crocius: "Grosz Martyrbuch vnd Kirchen-Historien darinnen herrliche vnd in Gottes Wort gegründte glaubensbekandnussen, Gespräch und Disputationen, wieder die ketzer vnd feinde der göttlichen warheit ... beschrieben werden ..." (Hanaw: Guilielmus Antonius 1606)
"Vorrede und Inhalt", "Das siebte Buch", Bl. ):():( [xi]v:
Christian Gerson: "Chelec oder Thalmudischer Judenschatz" (Helmstadt: Jacobus Lucius 1614) ( = VD 17 12:108576N)
S. 140: "R. Assai sprach / Der boese Gedancke ist im Anfang gleich einer Spinnewebe / Endlich aber / wird er gleich einem Wagenseyl / das auff ihm ligt".
Ignatius Trauner: "Gallus Cantans. Das ist Kräender Hauß-Hahn" (1677) ( = VD 17 23:240357B)
Ignatius Trauner: "Gallus Cantans. Das ist Kräender Hauß-Hahn, Dem in Sünden-Schlaff ligenden Hauß-Gesind des grossen Hauß-Vatters Zum Aufferwecken bestelt und auffgesetzt in Bueß- und Passions-Predigen [...] Sambt dreyfachen Register", Regensburg: "bey Augusto Hanckwitzen/ in Verlag des Authors" 1677 [ books.google.de ].
S. 520 ("Dritten Jahres Andere Predig. [...] kleine Sünd verursachen schwäre Fäll"): "Unser allgemeine Widersacher klaubt aller Orthen das Kleine zu fassen / und macht in dem Todtbeth ein grosses Wagen=Sail darauß".
Teutophilus Misalector: "Solstitium Gallicum. Die Frantzösische Sonnenwende / Das ist: Ein gründlicher historischer und politischer Bericht / Auß was Ursachen das Königreich Franckreich (dessen jetziger König der Sonnen sich vergleichen) zu seinem höchsten Grad gestiegen / jetzo aber wieder in Abgang gerathen / auch wohl zu seinem Untergang sich zu neigen scheine [...]" (1690) (= VD17 3:007161Q)
S. 97: "Noch lächerlicher war die Einladung zu den Indianischen Compagnien / so den Außländern gleichsam auß einer Ubermaß Frantzösischer Lieb gegen seine Nachbahrn / durch Christoph Wagenseil beschehen: Und mußten sich die armen Indianische Könige / Königreich und Länder durch die Frantzosen außtheilen / und vergeben lassen : Ehe man sie einmahl darumb gefragt / ja ehe die Frantzosen selbst einen Fuß breit Erdreich in Indien besessen. Durch diesen Griff vermeinten die Frantzosen Außländischer Fürsten und Potentaten / Gelder und Capitalu / mit dem Geld und mit dem Interesse die Hertzen und Gemüther an Franckreich zubinden. Es waren aber lauter Frantzösische Lufft Streich / den sich wenig / oder gar keine Teutsche, Fürsten und Stände durch den Wagenseil am Narrenseil herumb führen lassen".
Marcellian Dalhover: "Miscellanea. Als Bußpredigten [...] Panegyres und Leichenreden" (1700)
Marcellian Dalhover: "Miscellanea. Als Bußpredigten [...] Panegyres und Leichenreden", "Erster Theil", München: Maria Magdalena Rauchin Wittib 1700 [ books.google.de ], S. 506 ("Andere Rede. Calvari-Berg. [...] Das Creutz. Der Gecreutzigte"):
"Der ehrliche Herr dissimulierte/ und schickte dem Schreiner einen Lackeyenach/ mit Ersuchen/ morgens die Wiegen fertig zu haben/ und umb paares Geld in das Schloß zu liffern. Darauff legte sich unser Gecreuzigte schlaffen. Aber sein Creutz ftürmbte in ihrem Cabinet auff/ und ab. Was? Ich? O Narr! eine Wiegen 3. Ehlen lang/ und 1. Ehlen breit. Dises ware solches bösen Weibs ihr Metten/ und nocturna & c. biß nach der Terz. nach welcher der Meister Schreiner mit seinen Gesellen in das Schloß angekommen/ und redlich alles gelifferet. Der Beschliesserin ward unterdessen befolhen/ den Strohsack/ Windeln/ Fätschen/ die Ober=Decke/ sambt anderen in parato zu halten: Nach welchem der Herr sein böses Weib in besagte Wiegen legen/ ja! schliessen liesse. Der gröbiste Bauren=Knecht in der ganzen Herrschafft warde befelcht,/ solches abentheurische Kind zu wiegen. Das Wiegen=Band ware ein grosses Wagen=Sail. Er hatte bey Stockschlagen gemessene Ordre/ unauffhörlich/ wie die Jodeln pflegen/ das bekannte Puppeja, Mareja! disem ehlichen/ und zwaintzig=jährigen Kind anzu singen [...]".
Franz Partinger: "Ehr- und Tugend-Cron Aller Heiligen, und Gerechten Gottes Freunden" (1722)
Franz Partinger: "Ehr- und Tugend-Cron Aller Heiligen, und Gerechten Gottes Freunden/ deren Heiligmäßige Thaten [...] Durch die Fest- und Feyer-Täg des gantzen Jahrs [...] Zum wahren Unterricht aller Irrenden", Augsburg und Grätz: In Verlag Philipp Martin und Johann Veith Gebrüder 1722 [ books.google.de ], S. 896f. ("CLXIII. Predig [...] Die Dritte/ am Festtag der H. Jungfrauen und Martyrin Catharinae"):
"Ich für meinen theil muß bekennen/ daß ich schon öffters/ nachdem ich um die Stadt gehend/ meinen Gedancken Audienz gegeben/ und dem zwischen dem Stadt=Thor und Fischer=Thürl arbeitsamen Sailer betrachtet/ wie er seine Schnur/ seine Rebschnür/ seine Sail und Strick verfertiget/ ich meinen Ignatianischen Prediger=Gedancken darüber gemacht/ wie auch in diesem Fall ein gleiche Bewandtnus es habe mit jenem grossen Sünden=Sail/ dessen der flagende Isaias am 5. eine Meldung gethan: Ve qui trahitis iniquitatem in funiculis vanitatis, & quasi vinculum plaustri peccatum. Weh euch/ die ihr die Boßheit in dem Stricklein der Eitelkeit anzügt/ und gleich als ein grosses Wagen=Sail die leidige Todsünd. Der Sailer fangt vom Faden an/ und macht endlich einen grossen Strick daraus/ er fangt vom Kleinesten an/ und aus lauter Fåden macht er ein Strickel/ wiederumb haltet er sich bey kleinen Stricklein oder Schnürlein/ und macht das Sail daraus/ mit welchem hernach grosse Ladungen/ grosse Fuhren/ grosse Machinen/ grosse Schiff von der Stell gebracht/ grosse Thurn und Gebäu zum Tach gebracht/ grosse Läst aufgezogen/ mit einem Wort/ grosse Dieb mögen aufgehenckt werden; also machts der Sailer/ aber auch also machts der Sünder/ über welches aus Gelegenheit des oben ange zogenen Text die Chaldäische Auslegung glossiret: Va qui incipiunt pusillum peccare, trahentes peccata in funiculis vanitatis, augentur & crescunt, donec fortiora facta sint, quasi vinculum plaustri peccata. Weh denen/ die von kleinen anfangen zu sündigen/ und ein Sünd gleich als ein Stricklein an dem andern gebunden/ mitziehen; die sich da nur vermehren/ wachsen/ starck machen/ Sünden mit Sünden überhäuffen".
Petrus Schusmann: "Über Gute und Böse aufgehende Sonne, Das ist: Sonn- und Feiertägliche Predigten, über das ganze Jahr" (1736)
Petrus Schusmann: "Über Gute und Böse aufgehende Sonne, Das ist: Sonn- und Feiertägliche Predigten, über das ganze Jahr. Sonn- und Feiertägliche Predigten, über das ganze Jahr Dahin abzihlende, Das Durch das Wort Gottes, Als Eine hellstrahlende Sonne, Die Wunder erleuchtet, Ihren Irrweg erkennen, und verlassen: Die Fromme aber in der Liebe Gottes Noch mehrer angeflammet, auf der Strassen seiner Gebotten Desto eyfriger fortlauffen", Band 1, München: Maria Magdalena Riedlin Wittib 1736 [ books.google.de ], S. 89:
"Ein kleines Füncklein Feuer/ so vernachläßiget worden / hat schon manischsmahl ein grosse Feuers=Brunst erwecket/ und wievil Tausend brinnen zu dato in der Höllen wegen einem vernachläßigten Kleinen; nicht zwar als wann dises vernachläßigte Kleine an sich selbsten (formaliter) eine Höll verdiente Todsünd gewesen wäre/ wohl aber (dipositivè) zur Todtsünd den Weeg gemacht/ wie gar vortrefflich redet der hilige Hieronymus: venialia non damnant, sed ad damnabilia trahunt efficaciter. Die kleine und läßliche Sünden verdammen nicht/ neigen/ und führen aber gewaltig zu jenen/ wegen welchen man verdammet werde. Und dises ist eben die Würckung/ und Folge/ welche sich hernach ergibet/ und bey öffterer Widerholung des Kleinen selbes groß machet. Vae, lasset GOtt durch seine Propheten drohen/ qui trahitis iniquitatem in funiculis vanitatis, & quasi vinculum plaustri peccatum! Wehe euch/ die ihr das Unrecht an kleinen Stricklein ziehet/ und die Sünd gleichsam mit Wagen=Sailern! Als hätte er sagen wollen/ das ewige Wehe warthet nicht allein auf jene/ so die Todtsünden ohne Scheu gantz dick begehen/ sondern auch auf die jenige/ welche offermahls wissentlich freywillig in die läßliche fallen; dann aus disen kleinen Stricklein wird endlichen ein Wagen=Sail/ und thut man letzlichen Fuder=weiß mit Ungerechtigkeiten/ und anderen Sünd/ und Lasteren beladen dem Teufl/ und der Höll zufahren".
Abraham Kyburz: "Das Geheimnis der Gottseeligkeit und der Boßheit" (Basel 1758)
Abraham Kyburz: "Historien- Kinder- Bet- und Bilder-Bibel, Oder: Das Geheimnis der Gottseeligkeit und der Boßheit. In XXXX. Löblich- und sträflichen Geschichten des Neuen Testaments, In sich haltend: Den vollständigen Lebenslauf unsers Herrn und Heilands, Jesu Christi, Seine lezte Lebens- und Marterwoche, Auferstehung Himmelfahrt und Sitzen zur Rechten Gottes etc. etc", Band 5, "entworfen von Abraham Kyburtz, Evangelisch=reformirter Prediger", Basel: Daniel Eckensteins seel. Wittwe 1758, S. 215f., "XVI. "Auf den Kuß Juda":
"Die Hohenpriester und Pharisäer haben eben deswegen Mühe genommen, selbst zu kommen, damit sie sich Christi recht versichern können, ohne Zweifel werden sie den Häschern zugerufen haben, daß sie ihn so binden und gest halten, daß er ihnen nicht entgehe [...], darauf bunden sie ihm erstlich seine Hände auf den Rücken zusammen, so unbarmherzig, daß die Adern ausliefen, und die Haut braun und schwarz wurde, die neuen Strücke machten ihm Schrunden und Wunden (s) in sein heiliges Fleisch, darnach bunden sie ihm ein groß (t) Wagen=Sail um den Leib, und Stricke um die Armen, ihn damit zu führen. Diß Binden ware also deinem Erlöser recht schmerzlich und schmählich".
Anmerkungen: "(s) Dieses ungemein scharfe Binden ist ebenfalls mit solchen Umständen in der Schrift nicht ausgedruckt, laßt sich aber annehmen. 1. Aus den Worten Juda, des Verrähters [...]. 2. Hatten sie schon vorher von ihm gesagt: Er treibet die Teufel aus dem Beelezebub, den Obersten der Teufeln, wordurch sie ihn zu einem Schwarzkünstler und Zauberer machen wollen, der mehr als andere Leute wisse und könne, mithin sey alle Vorsichtigheit nöthig ihn in Verwahrung zu behalten [...]
(t) Wird alludirt auf den Spruch Esaj. 5: 18".
Buch: Franz Geiger und Hans Dräxler; Regie: Walter Bannert; Produktionsfirma: Balance Film, Jürgen Dohme; Redaktion BR: Silvia Koller.
"Original-Autogramm, handsigniert", ARD/R. M. Reiter, Bavaria Film, 06.02.2021: "Sebastian Jakob Fischer, geboren 28. Mai 1966 in München, tritt in der 278. Tatort-Folge 'Ein Sommernachtstraum' als Karl Wagenseil auf".
Einige der fiktiven Wagenseilfiguren des 20. Jahrhunderts rezipieren lose die Biographie Johann Christopherus Wagenseils, des Polyhistors und Hebraisten. Mit seiner Sammlung jüdischer Manuskripte, seinen Brieffreundschaften, Vermittlung des Judentums und Übersetzung einerseits und Herausgabe von gegen das Christentum polemisierender Schriften, Judenmission und Reproduktion antisemitischer Klischees andererseits bietet der "obskure" Gelehrte diverse Anknüpfungspunkte für eine künstlerische Bearbeitung - angefangen bei seinem Auftritt in Friederich Meisners Komödie "Die Leichtsinnigen" von 1796 oder als Gespenst in E.T.A. Hoffmanns "Der Kampf der Sänger" von 1819 -, aber auch für antisemitische Hetze. Diese Situation verstärkte sich durch eine besondere Quellenlage zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Antisemitische Machwerke picken die ihnen genehmen Sätze aus dem Werk des frühneuzeitlichen Autoren und vermitteln das Bild eines strikten Gegners des Judentums. In anderen Fällen, wo der historische Wagenseil das Judentum gegen falsche Vorurteile - im folgenden das Beispiel der Ritualmordlegende - verteidigte, wurde er entsprechend polarisierend nur damit zitiert und kritisiert, etwa dass er sich angeblich "um die Quellen der Geschichte des sel. Simon von Trient gar nicht kümmerte" (Josef Deckert: "Vier Tiroler Kinder. Opfer des chassidischen Fanatismus", Wien: Lesk und Schwidernoch 1893, S. 56). Zu diesen zumeist älteren Autoren kamen solche, die nicht mehr die Bücher selbst zur Hand hatten, sondern nur Zitate aus ihnen. Schließlich entstehen antisemitische Pamphlete, in denen der Hebraist und sein Familienname selbst in Verschwörungstheorien eingebaut werden (z.B. "Weltfreimaurerei. Weltrevolution. Weltrepublik. Eine Untersuchung über Ursprung und Endziele des Weltkrieges" von Dr. Friedrich Wichtl, 1920 in der siebten Auflage, München: J. F. Lehmanns Verlag, S. 16, Anm. 2: "Die Fonsecas sind jüdischer Abstammung und hießen früher Wagenseil", mehr Belege im Artikel von Hans B. Wagenseil, Abschnitt "Bremen"). Von diesen Gegensätzen ist auch die Rezeption gekennzeichnet.
Fedor von Zobeltitz (1913): "Die Romantik zu Pferde. Eine Manövergeschichte" (in: "Daheim-Kalender für das Deutsche Reich", Leipzig: Velhagen & Klasing 1913, S. 177-197, Zitat S. 187)
"Das Bild machte einen starken Eindruck auf Steffens. Wen stellte es dar? Fräulein Wagenseil. Ein nichtssagender, recht prosaischer Name. Aber auch dieser Name blieb nicht ohne Wirkung; er wirkte wie ein ironischer Nebenklang im phantastischen Wirrwarr romantischer Geschehnisse. Und vielleicht schöpfte hier die Romantik nicht aus Märchentiefen, sondern aus dem vollen Leben; das Leben selbst wurde zum Märchen. Wer wußte, was alles für seltsame Begebenheiten zwischen Manila [S. 185: 'Señor Wagenseil war Kaufherr in Binondo. Binondo Vorstadt von Manila. Hat gehandelt mit Ziehjarrn und Tobak. Manilatobak fein fein'] und diesem vereinsamten Schlößchen lagen, welche wunderlichen Motive sich ausgesponnen, wie die romantische Wirklichkeit wieder einmal die platte Alltäglichkeit aus dem Felde geschlagen hatte!"
Jakob Wassermann (1918): Sabbatai Zewi (darinnen ein Pfarrer Wagenseil mit Sohn).
David Bisle: "Jewish Culture between Canon and Heresy", Stannford University Press 2023: "Two Women are at the center of the story: Zirle, who is modeled on the historical Sarah, except that she never actually marries Shabbtai Zvi, and Rachel, who conveices a child out of relations with a Christian seminarian. Zirle is said to be the Messiah's bride but after Shabbtai Zvi's apostasy she vanishes forever. Her wild beauty attracts the son of an antisemic pastor, named Wagenseil (after the anti-Jewish Christian Hebraist), who converts to Judaism and brings catastrophe upon the Jews".
Sammy Gronemann: "Um ein Haar!" (Acht-Uhr Abendblatt, 2. April 1929)
César Augusto Merchan Hamann, "Life and Works of Sammy Gronemann", University College London, Department of Hebrew and Jewish Studies, 2002, S. 234:
"2.7.6 Um ein Haar! (By a hair's breadth) Published in the evening newspaper Berliner Abendblatt, a typescript is preserved in the Central Zionist Archives (see 1929, n.d. r). A mystery story in which an unidentified detective or lawyer solves the case of a blonde woman who was seen crying for help from a car driven by a man who with one hand was trying to restrain her, whilst driving through brightly lit streets near the Tiergarten at night on Easter Sunday. Nothing more is heard of the victim, but the investigator identifies the victim, an aspiring actress by the name of Lulu Petri, and tells the story of what should have happened and never did. The false kidnapping was planned and executed by a Dagobert Wagenseil, a friend of the victim, and it was intended to provoke an antisemitic outcry, with the abduction of a Christian girl by a Jewish-looking driver right before Passover used to resurrect a blood-libel. Why then did the plan fail and nothing of the sort occur? It turns out that the young actress was really called Sara Paradies, and was the daughter of a Jewish cantor. Wagenseil has to abandon the scheme and the actress, who had been lured into a ship bound for Argentina under the impression that she had succeeded so well in playing her part in the abduction scene, that she had obtained a leading role in an Argentinian film. She is now, concludes the investigator, in a house of ill-repute in Buenos Aires." - Gefolgt von der Kommentierung: "The story manages to combine some of the favourite ingredients of antisemitic propaganda - the blood libel, the heavy involvement of some Jews in the white slavery trade - with the elements of the detective story so popular at the time, inverting the usual propaganda components to produce an effect opposite to the usual one and producing an entertaining piece of fiction with an avowed apologetic purpose (Lethen 1995)".
Victoria Wolff: "Gast in der Heimat. Roman", Amsterdam: Querido 1935
Telse Wenzel: "Die Weimarer Jahre und Weimars Ende in den frühen Romanen von Victoria Wolff", Dissertation an der Freien Universität Berlin 2019, S. 153:
"Aber: Der Roman installiert auf der Figurenebene auch wenige, vereinzelte Hilfs- und Widerstandsmomente in einer sich verdunkelnden Diegese. So ist der am 1. April auf einem Schild an Helmuths Bürotür zu lesende Schriftzug 'Wer zum Juden geht, schädigt Deutschland' (GIDH, S. 202), von irgendjemandem, der nicht in Erscheinung tritt, teilweise wieder abgekratzt worden: 'Es mußte sich jemand die Mühe gemacht haben, diese Behauptung mit spitzen Nägeln zu entkräften' (ebd.). Und in der Nacht nach dem 1. April ruft ein früherer Kriegskamerad von Helmuth bei ihm an, um ihm, auch im Namen eines weiteren Bekannten, zu sagen, 'daß wir ein Zimmer frei haben, und daß wir uns freuen, wenn wir Ihnen einmal helfen können' (GIDH, S. 211f.). Damit wirft der Freund mit dem sprechenden Namen 'Wagensail' ein rettendes Seil aus. Auf der einen Seite der dargestellten Welt stehen die NS-Trupps, die am diegetischen 1. April aktiv und zahlenstark auftreten, auf der anderen, unsichtbar irgendwo am Ende eines Telefons oder nur durch politische Aktionen greifbar, Figuren, die Widerstand leisten und die von Wagensail, dessen namenlosem Freund und jener unbekannten Person repräsentiert werden, die den antisemitischen Schriftzug hat löschen wollen, was ein Sinnbild für den Widerstand gegen jüd*innenfeindliche Hetze ist, aber auch dafür, die Entfernung des Schriftzugs ist nicht vollständig, dass es nicht gelang, den Antisemitismus in der Gesellschaft zum Schweigen zu bringen".
S. 171: "Die Figur Wagensail, die nicht zulässt oder daran mitwirkt, dass das sinnbildliche Seil zu den jüdischen Mitbürger*innen abreißt, sondern seinem früheren Kriegskameraden Helmuth anbietet, ihn zu verstecken, falls das einmal notwendig sein sollte [...], ist als die Gegenfigur zu Georg Keller entworfen, der ebenfalls mit Helmuth den Krieg zusammen erlebte, sich nun aber antisemitische Beschimpfungsmuster angeeignet hat".
Friedrich Torberg: "Mein ist die Rache" (Manuskript 1942)
Erstausgabe "Mein ist die Rache. Novelle", Stockholm: Bermann-Fischer Verlag 1943.
1942 schrieb Friedrich Torberg die Erzählung "Mein ist die Rache", die Geschichte des Rabbinatskandidaten Joseph Aschkenasy, die der Binnenerzähler dem Rahmenerzähler im Hafen von New York erzählt, der im Konzentrationslager Heidenburg den Lagerkommandanten [Hermann] Wagenseil, der durch unmenschliche Torturen jüdische Häftlinge in den Selbstmord trieb, erschießen und danach fliehen konnte. Die Erzählung schildert auch die Diskussionen im Lager über die Frage, ob der Mensch das Recht zur Rache habe oder ob er sie, wie es in der Torah heißt, Gott überlassen müsse. Voller Schuldgefühle wartet Aschkenasy, der weiß, daß durch seine Tat keiner seiner Kameraden überleben konnte, in New York darauf, ob es nicht vielleicht doch einem von ihnen gelungen sei, nach Amerika zu entkommen. Im Häftling [Hans] Landauer, der nach furchtbaren Folterungen starb und Wagenseils Befehl, Selbstmord zu begehen, verweigerte, schildert Torberg den von seiner Tradition entfremdeten Juden. Landauer war nahe daran, Wagenseil umzubringen, und Aschkenasy sagte über ihn nach seinem Tod:
"Es ist gut, daß er es nicht getan hat. Es ist gut, daß sein Opfer rein geblieben ist vor dem Herrn. Mein ist die Rache und die Vergeltung, spricht der Herr." Wagenseil war ein Antisemit im engsten Sinn des Wortes, der alle Phrasen von der jüdischen Weltverschwörung [beherrschte...], doch aber auch sagte, daß die Juden gar keine Wahl hätten, gut oder böse zu sein. Ebenso sprach Aschkenasy wiederholt davon, "wie auswegslos wir auf die göttliche Rache angewiesen wären? Und daß wir nur um ihretwillen noch lebten? Nur weil wir keine Wahl hatten - das war es: keine Wahl zwischen unsrer Rache und der Rache des Herrn? Und also dem Herrn die Rache überließen, und also 'gut' waren, ob wir wollten oder nicht?" Einer der Höhepunkte der Erzählung ist das innere Ringen zwischen dem Icherzähler und Aschkenasy um die Gültigkeit dieses Prinzipes der jüdischen Ethik und Geschichte auch in dieser Situation:
"Man muß sich entscheiden, werde ich ihnen sagen. Es ist nicht so, wie Aschkenasy gesagt hat: daß wir keine Wahl haben. Nur unsere Feinde glauben das und unsere Verfolger, ich weiß es, einer von ihnen hat es mir selbst gesagt. Und das ist es auch, was sie so sicher macht: daß wir immer nur auf die göttliche Rache vertrauen, immer nur, immer wieder, immer noch, seit Jahrtausenden. Aschkenasy hat euch gesagt: dies ist unser Sieg, und darumsind wir noch am Leben. Gut, wir sind am Leben, es läßt sich nicht leugnen. Aber woher wissen wir, daß wir anders nicht mehr am Leben wären?" Der Icherzähler setzte fort, daß seine letzten klaren Gedanken, bevor er auf Wagenseil schoß, waren: Ich habe die Wahl und Mein ist die Rache." Und danach kommentierte er: "Ich hätte mich ja nachher sofort selbst erschießen müssen. So war es ja nicht gemeint: daß ich nachher fliehe. Ich wollte ja nur die Wahl nachholen, die von Landauer auf mich übergegangen war. Ich wollte Selbstmord begehen, und vorher noch jenen umbringen. So war es ja nicht gemeint: daß ich ihn umbringe, um mein Leben zu retten...Ich hatte die Wahl, und ich habe falsch gewählt. Ich habe Rache genommen, und meine Rache wird gerächt werden. Denn Mein ist die Rache, spricht der Herr...Der Rabbinatskandidat Joseph Aschkenasy hat es gewußt. Und er hat auch gewußt, daß es auf das Opfer ankommt. Ich aber habe dem Herrn die Rache entwunden, und habe Ihm nicht einmal das Opfer gebracht, das Ihm gebührt. Das, sehen Sie, das hätte Ihn vielleicht besänftigt. Ihn, und die Geißeln, die Er über uns geschickt hat. Wenn ich mich umgebracht hätte - das hätte meine Gefährten vielleicht gerettet." Der letzte Satz der Erzählung lautet: " 'Ich bin Joseph Aschkenasy', sagte er". Damit enthüllt sich das Ringen um Rache und Widerstand zwischen dem Icherzähler und Aschkenasy als ein Selbstgespräch und als die Skrupel und Zerrissenheit eines einzigen Menschen, der sowohl als religiöser Jude als auch als Häftling in einem Konzentrationslager handelte.
Quelle: "Modern Austrian Literature", Band 27, 1994, S. 226.
E. Randol Schoenberg (ed.), Adrian Daub: "The Doctor Faustus Dossier. Arnold Schoenberg, Thomas Mann, and Their Contemporaries, 1930-1951", Section I: "Letters, Diaries, etc. (1930-1948)", Oxford University Press 2018, S. 29-102, Anm. 87: "On September 9, 1943, Schoenberg sent Torberg a letter (c/o the Werfels) in which he thanked him for his book Mein ist die Rache (1943), which describes the horrors of the Nazi concentration camps: 'I quickly read the book and was deeply moved by it. Irrespective of its degree of accuracy, the story provides a spot-on characterization of the Nazis and their so-called philosophy. Your Wagenseil figure says and does exactly what they say and do. After reading the book I was depressed for several days, as though I'd myself been present during the atrocities described. I wish every anti-Nazi could read your book, as we wouldn't need to worry about the Germans going unpunished.'"
Hans Fallada: "Ein Mann will nach oben" (Manuskript 1942)
1978 verfilmt mit Harald Juhnke in der Rolle des Franz Wagenseil und Anita Kupsch als Elschen Wagenseil. Der Fuhrunternehmer steht als Sinnbild für einen besonders ausbeuterischen bis gaunerhaften Kapitalisten.
Erstausgabe Hamburg: Rowohlt 1953.
S. 147 (Kap 30: "Franz Wagenseil tritt auf"): "'Geld?' schrie Franz Wagenseil jetzt. 'Du hast doch immer noch dein Geld von mir gekriegt, Emil! - Bloß mit dem Gerichtsvollzieher? Emil, Mensch, die Gerichtsvollzieher wollen doch auch leben! Ich habe immer alles, bloß kein Geld nicht - ich mache noch mal Pleite? Einmal, sagst du? Zehnmal mach ich noch Pleite! Was schadet denn das? Hauptsache, du kriegst dein Geld! Kannst dir ja das Eigentumsrecht an den Gäulen vorbehalten.' Plötzlich ganz milde: 'Also in einer halben Stunde holst du den Rappen, den Mistbock! Wegen den Ostpreußen reden wir noch!' Er hängte ab und war sofort wieder in der anderen Sache. 'Wie wird es?' fragte er. 'Unternehmer oder Angestellter?' 'Unternehmer!' sagte Karl Siebrecht ohne Schwanken. Wagenseil pfiff durch die Zähne. 'Wieviel Betriebskapital hast du?' fragte er. 'Hundert Mark,' sagte Karl Siebrecht. 'Schafskopf!' lachte Wagenseil. 'Tausend hättest du sagen müssen! - Alles dein Geld?' 'Nein ...' Dies kam nun doch zögernd. 'Wieviel ist dein eigenes?' 'Fünfunddreißig Mark!' 'Vergiß das nicht', sagte Wagenseil plötzlich fast aufgeregt. 'Vergiß das bloß nicht! In zwanzig Jahren wirst du daran denken, daß du den großen Zirkus mit fünfunddreißig Mark Eigenem aufgezogen hast - und dumm bist du auch nicht, wenn du auch bloß aus Dummheit so ehrlich bist. Hättest du tausend Mark gesagt, hätte ich den Laden vielleicht doch ohne dich gemacht. Dann wärst du mir zu stark gewesen. Mit tausend Mark kannst du jeden Fuhrwerksbesitzer in Berlin mieten. Jetzt brauchst du mich!'".
S. 195f. (Kap. 38: "Kriegserklärung an Franz Wagenseil"): "'Darauf willst du also raus!' sagte Franz Wagenseil höhnisch. 'Du willst mich aus der Firma raushaben! Und ich habe dich erst zu was gemacht! Was warst du denn damals? Ein Rumtreiber, ein Straßenjunge, und das ist nun dein Dank!' Er holte Atem, Karl Siebrecht sah ihn nur stumm an. 'Du schwimmst im Gelde', fuhr der andere bitter fort, 'ich habe es ja eben gehört, jeden Augenblick kannst du Tausende bezahlen. Und ich, durch den du erst was geworden bist, laufe herum und habe keine zehn Mark in der Tasche! Mir verweigerst du alle Hilfe!' [...] 'Ich will nicht Krieg mit dir führen, Franz. Ich will dir ein wenig kaufmännische Ordnung beibringen. Wenn du aber Krieg willst, so sollst du ihn haben.' Er sah den Franz Wagenseil kühl an. Der lachte auf. 'Du Junge, du!' rief er. 'Du sollst was erleben! Du sollst mich noch kennenlernen!'".
S. 221 (Kap. 46: "Rettung?"): "Franz Wagenseil noch selbst zwei Autos besessen, einen Liefer- und einen Personenwagen - wo waren die eigentlich hingekommen? Ach ja, Franz hatte sie auf Abzahlung gekauft und natürlich nie die Raten pünktlich entrichtet, sie waren ihm sehr schnell wieder fortgeholt worden".
Gertrud Fussenegger: "Die Pulvermühle - Kriminalroman" (1968)
Die Autorin in einem Interview: "Und dann die drei von Ihnen schon genannten Figuren: Wagenseil, Federspiel, der Pfarrer... Mit ihnen habe ich etwas ganz Besonderes vorgehabt. Ich wollte an ihnen drei Arten der Welterfahrnis dartun. Wagenseil - Sie nennen ihn einen intellektuellen Lehrer -, später ist er Zuchthäusler und noch später eigenbrötlerischer Sonderling, er ist der Klügste von allen, immer bereit, sich die Dinge selbst auseinanderzulegen, zu analysieren - und kommt dabei regelmäßig zu einem negativen Ergebnis. Er bezeichnet die nihilistische Position. Dann Federspiel, ein geborener Erzähler und Unterhalter, ihm fällt es gar nicht ein, zu analysieren. Er ist immer nur auf Jagd nach einer saftigen Fabel. Ihn fasziniert die Sensation, die erzählerische Pointe. Für ihn ist die Welt nicht Erkenntnisobjekt, sondern Thema, das episch gestaltet werden kann. In diesem Federspiel habe ich meine eigene Leidenschaft für das Geschichtenerzählen ein wenig ironisiert. - Und schließlich Pfarrer Perwög: Nun, er ist die fromme Seele, er ist der große Moralist in diesem Roman. Ihm geht es immer um den Menschen, um sein Heil oder Verderben. Er sieht alles im Hinblick auf Gott, sub specie aeternitatis."
Quelle: Die Rampe, Linz 1/1982, S. 7-16.
Volker Braun: "Die Haltung einer Arbeiterin", in: Neue deutsche Literatur 21 (1973) 7, S. 35f.
1
In den ersten Jahren der Integration
ereignete sich unauffällig der Fall
Der Weberin Hanna Wagenseil
Sechsundvierzig Jahre alt
Ruhiger Gemütsart, in Ebersbach.
2
Lange gewöhnt
An ihre langsamen Maschinen, brach sie
Als die neuen sowjetischen Automaten
Montiert waren und in der Halle lärmten
In ein Geschrei aus, mitteilend
Ihre Ablehnung derselben. [...]"
Hans Zengeler: "AbLeben = Aufzeichnungen aus einer erdfernen Welt" (2005)
"Sie ist eben nicht ganz richtig im Kopf, denkst du. Wie alle hier, die auf diesem erdfernen Planeten dahinvegetieren und ihr Restleben ableben, entweder täglich aufs neue resignieren oder schon vollkommen hoffnungsleer sind, die Erlösung herbeisehnen, vor sich hinstarren, wie zum Beispiel Herr Wagenseil, der den Platz neben mir hat, kopfhoher Rollstuhl, und von morgens bis abends auf ein und denselben Punkt starrt, auf einen gelben Fleck an der Tapete. Er wirkt wie eingefroren in dieser Haltung. Er rührt sich nicht. Man sieht nicht einmal, ob er noch atmet. Der Brustkorb bleibt flach, da hebt und senkt sich nichts. Man könnte auch den Eindruck gewinnen, er übermittle seine Gedanken (oder was auch immer) an den gelben Fleck oder er horche in diesen hinein, als nehme einzig der gelbe Fleck noch Anteil an seinem Leben. Zu den Mahlzeiten jedoch öffnet Herr Wagenseil wie automatisch den Mund, läßt sich füttern, ohne dabei den gelben Fleck aus den Augen zu lassen. Wenn er genug gegessen hat, schließt er den Mund wieder, preßt die Lippen fest aufeinander, die ganze Zeit, als dürfe jetzt nichts mehr hinein-, nichts mehr herauskommen, weder Nahrung noch Wort, so erstarrt er wieder, und manchmal drängt es mich, seinen Puls zu fühlen, ob er überhaupt noch lebt ..."
Weitere Fundstücke:
"In unserem Haus leben vier Hauskatzen, und den zugehörigen Katzennachbarn war Findus natürlich auch aufgefallen. Denn er war jetzt immer da, lag in der Einfahrt, lag im Garten, lag immer nur herum. Und hob sich nicht mal auf, als ich einmal mit dem Auto knapp an ihm vorbeirollte. Er musste nicht nur sehr alt, sondern auch sehr taub sein. Wie sich herausstellte, hieß Findus nicht Findus oder Mango oder Stinker, wie ihn die Katzennachbarn nannten, sondern Herr Wagenseil, warum auch immer. Herr Wagenseil hatte 23 Jahre nebenan gelebt, bevor sein Besitzer auszog, ihn einfach zurückließ. Und da 23 Katzenjahre etwa 107 Menschenjahren entsprechen, ist klar: Herr Wagenseil wird bald sterben. Winter is coming. Die Winterquartierverhandlungen haben begonnen. Die Katzennachbarn, der Familienrat - ich merke, wie sie versuchen, mich in einen, miau, Katzentypen zu verwandeln. Ich übe bereits heimlich das Anstreicheln. Und von Garfield weiß ich immerhin, dass Katzen Lasagne mögen."